LEONIJA WUSS-MUNDECIEMA

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Zitate aus Filmtexten

Aus
DIE VETTERN VON WAHLSTATT

„Warum hat es gerade mich getroffen? Warum gerade mich oder meine Familie? Warum mussten wir weg, und den anderen ist es besser gegangen? Denn das ist eben der Krieg. Der Krieg, der sich sicher wesentlich gegen den Einzelnen richtet, und der Einzelne muss die Zeche zahlen. Das ist schon sehr brutal.“

„Wir haben gelernt 1989, oder wieder gelernt, dass der Mensch auch ein zutiefst historisch bedingter Mensch ist. Die Versuche, das zu verneinen, haben zu sehr wenig geführt. Und wenn wir uns erinnern an frühere Zeit, wo die Nation eine untergeordnete Rolle gespielt hat und die Gemeinsamkeiten zwischen Europäern eine viel größere Rolle gespielt haben, also insgesamt… Schlesien, das war über viele Jahrhunderte ein eigenes Land, und ob das nun mehr polnisch war oder mehr deutsch, oder vielleicht mehr böhmisch, weil es zu Böhmen gehört hatte seit dem 14. Jahrhundert, wer hätte denn das beantworten wollen.“

„Legenden haben ja meistens eine Absicht. Und ich könnte mir vorstellen, dass es eine Mahnung ist an die nachfolgenden Geschlechter zusammenzuhalten: Dass Europa zusammenhält gegen Anfechtungen. Damals aus Asien, heute, wenn ich das interpretiere, gegen den Materialismus, gegen die Verflachung, für das Christentum, für unsere abendländische Kultur. Das entnehme ich aus dieser Legende als Mahnung, die herüberwirkt in unsere Tage.“

„Die erste Begegnung ist, glaube ich, für jeden, der nach langer Zeit wieder in seine Heimat zurückkommt, eine der stärksten Begegnungen, die man überhaupt haben kann, eine der tiefsten Begegnungen, die man haben kann, eine, die einen am meisten trifft und aufrüttelt. Das war natürlich eine Begegnung, die ich lange, Wochen, Monate oder schon immer wieder durchlebt hatte im Geiste und mir vorgestellt habe, wie wird das.“

„Wir können heute die Geschichte nicht mehr zurückdrehen. Wir können nicht an 1945 nahtlos anknüpfen, das geht nicht. Was immer auch passiert, wie es immer auch geht in der Geschichte, wenn wir eines Tages nach Schlesien zurückkämen, wir hätten immer eine gemischte Bevölkerung, egal unter welchen Vorzeichen wir zurückkommen. Wenn die Polen uns unser Heimatrecht wiedergeben würden, würde mit Sicherheit nur ein Teil der Schlesier wieder nach Hause gehen. Und sie wüssten von vornherein, dass sie ab dann mit den Polen zusammen leben und arbeiten werden.“
„Verhindern kann man Kriege meiner Ansicht nach nur, indem man für sie gerüstet ist und indem man sie im Persönlichen ausgleicht, in dem Miteinander der Menschen verhindert, dass sie geistig vorbereitet werden.“

„Die verbindende Kraft des Mittelalters war nun mal der christliche Glaube. Und diese bindende Kraft ist in ihrer Bedeutung für die Gesellschaften unserer Zeit sehr stark zurückgedrängt worden, und damit fehlt ein Bindeglied. Die römisch-katholische Kirche hat bis zur Reformation den Fehler gemacht, die Machtstrukturen, auch militärische Machtstrukturen, mit der Lehre Christi in unzulässiger Weise zu vermengen. Natürlich fand bei den Völkern Europas eine Gegenreaktion statt, und die Völker haben sich Schritt für Schritt emanzipiert von diesen Kirchen. Es sind hinzugekommen nach dem Zweiten Weltkrieg, bzw. schon während der NS-Zeit, sehr starke materialistische Bestrebungen. Denn der Sozialismus und der Nationalsozialismus sind ja materialistische Philosophien, die Gott im Grunde leugnen. Und diese Bewegung der Ablehnung von Gott, die wurde natürlich sehr stark beschleunigt.
Nach dem Krieg haben wir unsere eigene, uns angeborene und anerzogene Kultur weitgehend zugunsten einer Coca-Cola-Kultur verlassen. Da wurde dieser Materialismus weiter beschleunigt. Heute meine ich, wer heute Christ ist,
ich bin überzeugter Christ, - wer heute Christ ist, der ist wirklich Christ. Der christliche Glaube ist eine schwierige Angelegenheit, man braucht viele Jahre, glaube ich, bis man begriffen hat, um was es in Wirklichkeit geht. Es ist sehr anspruchsvoll. Ich arbeite an diesem Projekt schon länger. Es ist sehr, sehr anspruchsvoll.
Ich war damals 30 Jahre alt und wollte eigentlich noch nicht sterben. Und dann habe ich mich besonnen, und dann habe ich eine Entscheidung getroffen – wenn mich Gott da rausholt, dann werde ich für den Rest meines Lebens für ihn da sein. Viele Menschen, mit denen Sie sprechen werden, haben solche Situationen erlebt. Es spielt gar keine Rolle, welche das war. Es gibt Situationen im Leben, die einen wieder zur Vernunft bringen, einen neu eineichen. Von dieser Nacht an bin ich neu eingeeicht.“

„Aber darüber hinaus ist die Heilige Hedwig ein Stück Verpflichtung. Auch sie war eine Europäerin, sie kam aus einem sehr europäischen Haus, das alles andere war, als besonders deutsch, als besonders national. Sie ging in sehr frühen Jahren nach Polen. Sie hat sich dort zu Hause gefühlt. Sie war geboren, um mitzuherrschen mit ihrem Mann, und sie hat diese Herrscherposition nach kurzer Zeit eigentlich fast aufgegeben. Sie hat sie nicht vernachlässigt, sie hat ihre Pflichten erfüllt, immer, und sie hat immer dazu gestanden, dass sie die Herzogin ist. Aber es war ihr nicht mehr so furchtbar wichtig. Es wurden andere Dinge in ihrem Leben immer wichtiger. Die Sorge um einzelne Menschen, das Vorleben ganz bestimmter Tugenden wurde ihr wichtig. Das menschliche Sein in einem Verhältnis zu anderen Menschen und ein Verhältnis zu Gott. Das waren für sie die wichtigsten Kategorien, und das konnte sie vereinbaren mit einer Akzeptanz gegenüber ihrer gesellschaftlichen Position.“

„An den polnischen Menschen, die ich kennengelernt habe, habe ich schätzen gelernt diese Geradheit, manchmal die im ersten Moment harte, aber letztlich sehr verlässliche Haltung. Wenn man einmal mit einem Polen, soweit ich die Menschen kennengelernt habe, Positionen ausgetauscht hat, dann kann man über alles reden, weil man weiß, das ist eben diese Position. Und das ist eben das, sagen wir, was mit anderen Menschen nicht immer so leicht ist.“

„Ich bin auch von den Polen gefragt worden, wie stellst du dir das weiter vor? Ich sagte ja, meine Vorstellung ist eigentlich die, Polen und Deutsche sollen in Ruhe miteinander leben können, wie sie es früher auch getan haben. Und so ihre Existenz aufbauen unter gegenseitiger Achtung der nationalen Eigenheiten und nun nicht von dem einen denken, dass er furchtbar schlecht ist und von sich selber, dass man furchtbar gut ist, sondern dass man eine gegenseitige Achtung
hat. So sehe ich die Aufgabe von uns an, mit diesen Gedanken weiterzuwirken.“

„Es muss ja gar nicht sein, dass man dort wieder lebt, dass man Grund und Boden kauft. Es ist ja schon sehr viel, wenn man weiß, dass man da hinfahren kann und dass man respektiert wird. Ja, man wird einfach akzeptiert, dass man da Wurzeln hat. Das reicht doch eigentlich schon.“

„Das Gerede von einer polnisch-deutschen Erbfeindschaft, wie es auch eine deutsch-französische mal gegeben haben soll, halte ich für einen maßlosen Unsinn. Denn Völker sind Organisationen. Aber letzten Endes entscheiden die Menschen, die dahinterstehen, und zwar die einzelnen Menschen, sie sind das Wichtigste.“

Seit dem Zweiten Weltkrieg galten die seit zwei Jahrhunderten in Russland lebenden von Prittwitz als unerreichbar oder verschollen. Erst 1991 erfuhr der Archivar, dass in Sibirien Natalia von Prittwitz lebt. Ihr Vater, Alex von Prittwitz war Ingenieur für Brückenbau. Während des Krieges hat Alex von Prittwitz die von der deutschen Wehrmacht zerstörten Brücken wieder aufgebaut. Für Vermessungsarbeiten schickte er nicht den ihm zugeteilten Jungen, sondern seine 12-jährige Tochter Natalia über den oft einzigen noch erhaltenen Balken.
„Adel verpflichtet“ sagte er später zu seiner erwachsenen Tochter. Meinte er damit die Bereitschaft, seine Familien-Buße zu leisten?

„Wir haben meiner Meinung nach die Weichen vor vielen Jahren schon falsch gestellt. Ich habe das immer empfunden, wir haben die nur in Richtung materielles Mehr gestellt. Wir haben nicht in Richtung gestellt nach ideellem Mehr. Und das hätten wir tun sollen, wir haben es aber nicht getan. Und die Schwierigkeit ist, dass wir die Ideologien, die hier zu Hause sind, die das materielle Mehr fordern, weil man das sehen kann, anfassen kann, es essen kann, in diese Richtung gestellt haben, und eigentlich kein Angebot gemacht haben der Bevölkerung, wie können sie mit mehr Innerlichkeit leben.“

Sechs Adelsfamilien, von denen wir im Film vier besucht haben, tragen jenen besonderen Erfahrungsschatz in sich: Es sind die Familien von Nostitz, von Seydlitz, von Zedlitz, von Strachwitz, von Prittwitz, von Rothkirch. Und ich bleibe in der Hoffnung, dass der Zusammenhalt der Europäer im Interesse der kommenden Generationen für sie eine Verpflichtung ist, in einer Zeit, in der man weiß, dass der Einzelne ein Teil jener Energie ist, von der die Geschichte bewegt wird.

***

Aus
RÜCKKEHR VOM POLARKREIS

„Dort war alles. Meine Kindheit. Dort bin ich in die Schule gegangen und dort kann man sagen, habe ich studiert und bin wieder zurückgekommen. Dort sind meine Freunde geblieben und dort bin ich zum ersten Mal auf die Arbeit gegangen. Das ist soviel alles, und das bleibt für mich doch Heimat. Ich weiß nicht, wie es hier weitergeht für mich. Aber das ist so, dass – Vera hat schon gesagt – ein Teil unseres Herzens bleibt doch dort.“

„Ich denke, dass der Mensch dort gebraucht wird, wo seine Heimat ist. Und die Jamal-Halbinsel kann man wohl kaum als die Heimat von Alexander Alexandrowitsch ansehen, glaube ich. Vielleicht ist seine Heimat dort, wo seine Vorfahren herkamen, in Deutschland, denn er ist ja hier in einer Familie von Verbannten geboren.“

„Es soll Friede bleiben, damit wir ungestört nach Italien, Deutschland fahren können, und die Deutschen und Italiener sollen ruhig zu uns kommen dürfen. Die Grenzen gehören abgeschafft. Freizügigkeit müsste herrschen und wir sollten eine doppelte Staatsangehörigkeit besitzen. Wir sollten Russlanddeutsche sein und zugleich auch Deutschlands Deutsche, denn wir sind ja immer Deutsche geblieben. Und das gemeinsame Haus, über das man so redet, das wäre schon schön, aber es gelingt bisweilen noch nicht. Der Mensch muss unabhängig sein. Will ich nach Deutschland fahren, bitte. Habe ich dort einige Zeit gelebt, mich umgehört und Heimweh nach Russland, komme ich zurück. Wir aber sitzen noch immer in so etwas wie verschiedenen Käfigen. Und weil alle in Käfigen hocken, wollen wir auch in den unsrigen.“

„Wir haben hier das Nordlicht. Sehen sie, besonders im Winter, wenn es kalt ist, dann zeigen sich am Himmel die verschiedensten Farben, alle, die es nur gibt, und die sieht man dann über den Himmel wandern. Sehr schön. Das werden sie nirgendwo sonst finden. Ehrenwort. Das lässt sich gar nicht ausdrücken, wie schön das ist. Stellen sie sich vor, dort am Himmel bewegt sich alles, lauter solche Farben. Nein. Das muss man sehen, so etwas kann man nicht beschreiben. Da müssen sie im Winter kommen.“

„Wir haben uns hier in Deutschland von unseren Quellen ziemlich weit entfernt. Es gibt erschreckende Zahlen, dass im Land der Reformation, Deutschland, die Bibel nur noch von ganz ganz wenigen Menschen überhaupt gelesen wird. Allein was die Bibel zu den Fremden sagt. Wenn das nur viele Menschen wieder lesen würden in diesem Jahr und anfangen es zu tun, wäre das eine sehr große Veränderung. Da wird es zuerst eine ganz wichtige Voraussetzung sein, dass wir einander überhaupt erst wahrnehmen.“

„Ganz neue Gemeinschaftsformen sind möglich. Grenzen sind gefallen. Man könnte zueinander kommen. Und der Egoismus, der Individualismus ist ungebrochen bei uns. Eine Privatisierung des eigenen Lebens, der eigenen Interessen, äußert sich dann, dass alles Fremde weggeschoben wird. Und das ist das, was mich geradezu beelendet. Dass die Hoffnung, die stirbt nicht an Verzweiflung, sondern sie wird erstickt durch den Überfluss. Es ist alles da. Ich brauch nicht mehr hoffen, wenn ich alles habe. Und wenn ich es mir kaufen kann, brauch ich weder zu hoffen, noch zu glauben. Und ich merk gar nicht mehr, wie die Flügel mir gestutzt werden. Nicht von irgendwelchen bösen Menschen, sondern von den Dingen, die ich mir alle anhänge. Es gibt diese Geschichte vom Adler, der seine Beute reißt, und sie ist zu schwer. Und er kann
sie nicht loslassen und er kann nicht mehr fliegen, sie zieht ihn hinunter. So komm ich mir manchmal vor und auch unser Volk. Wir sind so beladen mit vielen, vielen Dingen, dass wir nicht mehr fliegen können.“

„Ich hab’ einen Cousin, der ist jetzt verstorben, der war lange in Gefangenschaft. Der kam mit den letzten, die zurückkamen von Russland. Und er hat mir erzählt, dass die Russen selber auch nicht mehr gehabt haben zum Essen, also Brot und noch etwas. Das war damals, 51 kam er heim, zwei Jahre nach mir.“

„Aber nach dem Krieg war das wirklich von den Deutschen still. Nichts mehr, kein Wort. Im Geschichte war nichts drin, von den anderen Völkern ja, von Tschetschenen, Inguschen, sie waren auch verfolgt, war geschrieben, dass sie zurück in ihr Land müssen. Von den Deutschen, der Wolga-Republik kein Wort.“

Europa bemüht sich um das gemeinsame Haus, doch denkt offenbar kaum jemand ernsthaft genug an die Dimension, oder aber jeder vorerst zuviel an sich selbst. Wie soll nun das Problem der Russlanddeutschen gelöst werden?

„Zum einen, sie müssten als Deutsche dort leben können mit ihrer Kultur, mit ihrer Eigenart. Und das andere, sie müssten dann doch die Möglichkeit haben, und zwar eine Garantie auch von Deutschland her, heimkehren zu können, wenn sie es wollen. Ohne Quotierung, ohne, dass jetzt Zäune wieder aufgerichtet werden. Mit der Freiheit heimkehren zu können, aber dort zu bleiben, und eine Brücke zu schlagen, die mehr als notwendig ist, würde ich für die beste Lösung halten.“

***

Aus
WER SIND WIR? DEUTSCHE IN SIBIRIEN 1990

„Aber jeder Mensch hat eine Philosophie. Und dann denke ich: ist meine Philosophie, die ich habe, anders als die von meinem Freund aus Deutschland? Und hier, denke ich, ist ein Unterschied.“

„Dieser Junge ist eine Waise. Und jeder Mensch, er muss Mitleid haben, Mitleid. Das ist das Hauptsächliche heutzutage. Viele Menschen denken an andere nicht.“

Was vom Archiv der Adelsfamilie von Prittwitz in Russland übrig blieb, liegt heute bei Natalia. „Prittwitz, ich bin verloren!“ soll Friedrich der Grosse 1756 in der Schlacht bei Kunersdorf seinem Adjutanten zugerufen haben, weil er sich in Gefahr glaubte. In dieser Wohnung, mitten in Sibirien, hört man den historischen Ausspruch immer mal wieder, und Frau von Prittwitz weiß um die Antwort ihres Vorfahren: “Keinesfalls, Eure Majestät, das soll nicht geschehen, so lange noch ein Atem in meiner Brust ist“. Im Russland des 20.Jahrhunderts haben die Nachkommen des adligen Militärs für sich friedliche Berufe gewählt.

„Ich fühle mich natürlich als ein ganz und gar russischer Mensch, weil meine Vorfahren vor mehreren Jahrhunderten aus Deutschland nach Russland übergesiedelt sind. Aber einige deutsche Eigenschaften fühle ich in mir schon: So eine übermäßige Genauigkeit, übertriebene Gründlichkeit – manchmal stört das… Aber wenn sie möchten, kann ich dazu einen Witz erzählen: Wie die Gelehrten verschiedener Nationalität an eine Arbeit herangegangen sind. Sie sollten über den Elefanten schreiben. Der Engländer hat „Indien und die Elefanten“ geschrieben, der Franzose „Das Nachtleben der Elefanten“, der Russe „Die Elefanten und der Sozialismus“. Und der Deutsche ließ lange auf sich warten, endlich kam er mit einem LKW und brachte einen Berg Bücher mit, „Das ist“, sagte er, „die Einleitung zur Erforschung des Ohres des Elefanten“. So, und diese Eigenschaften fühle ich in mir. Für die Wissenschaft sind sie vielleicht nützlich, aber manchmal stören sie auch.“

„Ich denke oft über das. Ich möchte es mir erklären, was, wer wir sind in dieser Zeit. Das bleibt für mich ein Phänomen. Und ich glaube, wie kann man raten dem Deutschen, der hier lebt, hier arbeitet in Russland, ob er bleiben soll. Gewiss, wir sind hier Russlands Menschen, das will ich unterstreichen, Russlands Menschen.
Verzeihen sie, die Sprache ist ja so schlecht, aber wenn meine Freunde in Deutschland mich sehen und hören, will ich doch deutsch sagen: Ich bin ein Mensch, es hört sich vielleicht grob an: in mir stecken zwei Menschen drin, auch ein Deutscher und auch ein Russe. Das will ich jedem sagen. Ich bin ein richtiger Russe-Deutscher. Das ist ein Phänomen.
Wir wollen immer so: Ach, wenn ich ein Deutscher bin, dann muss ich so sein, wenn ich ein Russe bin, muss ich so sein. Da sind wir noch weit von der Harmonie, sehr weit. Wenn ein Mensch auf die Welt kommt, da ist er nur ein großer Mensch. Und wenn er klein wird in seinem Leben, wir haben ihn so gemacht. Jeder Mensch ist ein großer Mensch, das ist mein Denken.
Wenn sie mich fragen, ob ich glücklich bin: ja, ich bin glücklich, ich hab immer nur das gemacht, was ich wollte. Ich hab doch so gerne das Land, und wenn ich aufs Feld komme, vergesse ich, dass das Land nicht mein ist. Ist dem Kolchos, niemand ist das Land. Aber das ist doch mein Land… alles, was ich gepflegt hab, alles, als ob es mein wäre. Das kann nicht ein jeder verstehen.“
„Das ganze Leben, alles, was durchgemacht ist in dieser Welt, in diesem Land, bringt mich so weit: also das Geistige, das ist das Höchste für den Menschen.
Wenn wir weitergehen wollen, wenn wir Menschen bleiben wollen, dann müssen wir dieses verstehen: Was ist Geist? Wir haben jetzt viele Maschinen, Kybernetik und alles haben wir. Aber der Geist ist doch schwach. Da ist er verloren gegangen mit dem Krieg. Müssen viele Generationen, bis es wieder zusammenkommt, und vielleicht auch niemals...
Viele denken, die Revolutionen, das wäre alles Fortschritt. Ich denke nicht so. Wo Gewalt gebraucht wird, dort verliert immer der Mensch.“

„Falls jemand damit rechnet, dass wir in die BRD kommen, und dort wird alles für uns gemacht, möchte ich ihnen sagen, wie dort die Situation ist: Wir sind nicht die dortigen Deutschen. Sie sind nicht wir. Und die ganze Tragödie liegt darin, dass wir hier keine Russen sind und dort keine Deutschen – das müssten unsere Regierenden irgendwann ergreifen. Als ob wir auf dieser Erde überflüssig wären.“

„Ja, ich will sagen: wir müssen fordern, dass uns die Republik wiedergegeben wird. Wir müssen auftreten, reden. Sind denn viele im Wahlkampf aufgetreten? Hat man mich denn unterstützt? Mananikow haben täglich 50 Mann den Rücken gestärkt, applaudiert. Mich hat allein der Müller unterstützt, kam, um ein Wort zu sagen. Und dann im Korridor kriege ich gleich zu hören: ‚Was suchst du denn hier, Faschist!’ Aber ich bin froh, dass ich in diesen Wahlkampf ging. Weil ich allen gezeigt habe, allen in dieser großen Stadt, wo eineinhalb Millionen Menschen leben und arbeiten, dass hier auch Deutsche sind. Sie sind hier, und man kann sie nicht wegleugnen.“

„Und ich denke so: der Mensch muss doch sein Leben selbst schmieden, das ist ganz wahr. Alles hängt von dem Menschen selbst ab, ja: Wie er arbeitet, was er denkt, was er denkt, ja.
Und was die Schwierigkeiten, die Schwierigkeiten muss der Mensch selbst durchmachen, selbst. Man muss nicht hoffen, dass jemand dein Leben besser machen wird, das ist nicht so. Der Mensch muss selbst sein Leben gut machen.
Ich verstehe nicht die jungen Menschen, die so leicht die Heimat verlassen. Die Fehler der Geschichte muss man auch verzeihen. Und wenn die Menschen das verstehen, dann geht ja alles gut. Aber so viele Menschen ziehen aus der Geschichte das Böse raus und denken immer an das Böse. Das geht doch nicht, das geht nicht. Man muss das alles vergessen und weiterleben und alles machen, damit es nie wiederkommt, das Böse.“

„Alle Sorgen, den Kummer und die Freude muss man teilen, in Hälften. Und natürlich mehr dabei auf sich nehmen. Es hat keinen Zweck, die anderen zu beschuldigen, lieber sich selbst, als die anderen... Nur so können wir einen Ausweg finden und alles positiv lösen. Aber wenn wir jemandem die Schuld geben, uns selbst davon ausnehmen, dann wird das schlecht ausgehen... sehr schlecht...“

„Was mich jetzt besonders besorgt, das sind meine Kinder, das ist das, ich weiß jetzt nicht, wer sie sind. Sind sie Deutsche? Oder sind sie Russen? Das wissen sie selbst nicht. Natürlich, das ist für mich auch nicht so wichtig. Wichtiger ist das, dass sie nicht vergessen, dass sie eine deutsche Mutter haben, dass etwas Deutsches in ihrer Seele bleibt, dass sie die Sprache beherrschen, die deutsche Kultur ein wenig kennen.“

„Und jetzt muss ich russisch weitermachen, denn die Geschichte, die ich heute erzählen möchte, verlangt sehr präzise Worte. Ich bin geboren und aufgewachsen in diesem Land, aber das Schicksal fügte es so, dass meine Muter eine Deutsche, mein Vater ein Russe ist. Die Geschichte unserer Familie begann 1945. Damals verband mein Vater sein Leben mit dem meiner Mutter, die aus der Wolgadeutschen Republik vertrieben war. Wenn mein Vater darüber erzählt, wie er meine Mutter kennenlernte, wie er sie heiratete, da mutete das an wie eine romantisch-heroische Liebesgeschichte. Man musste ja über einen enormen Mut verfügen, eine große seelische Kraft haben, um in einer Zeit, als alle schrien: „da geht eine Deutsche,“ und diese mit Steinen bewarfen, stand mein Vater plötzlich auf ihrer Seite, hat sie herausgeholt und in sein Haus gebracht. Das war gefährlich, sehr. Hinzu kam, dass meine Mutter kaum russisch sprach und sie sich schlecht verständigen konnten. Aber er erzählte, sie war so schön, dass alle, wenn sie dann zum Brunnen Wasser holen ging, stehen blieben und einander zuflüsterten: „Wie schön die Deutsche ist.“

„Was ist das nun für ein Zeichen, ein gutes oder ein böses, dass ich geboren wurde und so die zwei Nationen in mich einbinde. Ich glaube, es ist ein gutes Zeichen. Ich glaube, dass meine Mutter in diesem Sinne ein Opfer war, das den Göttern gebracht werden musste, um eine neue Kraft ins Leben zu rufen, die diese zwei Völker vereinigen könnte. Vereinigen nicht dafür, dass sie wieder gegeneinander vorgehen und sich bekriegen, sonder vereinigen, damit sie begreifen, wie reich sie alle beide sind und wie produktiv das gegenseitige Einverständnis dieser zwei Nationen so sein kann.“

„Die Menschen sind den Dingen, dem sozialen Komfort zugewandt, und sie haben sich seelisch verloren. Nun fehlt ihnen das Empfindungsvermögen für das Universum, wie es über die Natur, das Wasser, den Wald, das Feuer, die Sonne zum Ausdruck kommt.“
„Rerich gehört zu den Großen dieses Jahrhunderts, die den Geist des Menschen zu bewahren suchten. Er wusste, dass dies eine Kraft ist, die rein zu halten ist. Denn sie hat ja den Menschen auf dieser Welt zum Menschen gemacht.
Aber die Zivilisation verliert ihre geistigen Werte, ihre Reinheit und die Fähigkeit, das Schöne in der Welt zu sehen. Der Mensch hat sich von der Natur losgesagt, und das ist sehr gefährlich.“

„Es verbietet sich, die Quellen des Guten mit Nichtigkeiten zuzuschütten.“
„Tue Gutes, wo du’s kannst. Es wird sich lohnen. Du bleibst immer ein Mensch, der des Lebens Sinn versteht und weiß, dass er kein Tier ist. Zeig dich eines Verstandes würdig.“

„Und überhaupt muss man die Menschen ideell betrachten. Die Persönlichkeit und der Staat sind einander ebenbürtig. Und das Gerede über Sozialismus, Kapitalismus, Bourgeoisie ist mir einfach fremd. Was zählt, ist nur der Mensch und seine Moral, sein Recht, sein Verständnis der Welt. Man muss Bedingungen schaffen, damit er sich verwirklichen kann, und zwar in seinen besten Eigenschaften.“

„Wir sind jetzt vergessen von der ganzen Welt. Wir sind immer noch gerechnet als Deutsche. Was heißt Deutscher? Wir sind gerechnet als Kriegsurheber, die eben den Krieg jenes Mal begonnen haben. Da sind wir auch dabei, weil wir eben Deutsche sind, wenn wir auch gar nichts damit zu tun hatten.“

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Aus
WER KENNT HEUTE NOCH DIE PRUSSEN?
KALININGRAD – KÖNIGSBERG - TVANGSTE

Mit Akribie und Bienenfleiß trägt Otto Schneidereit alle Fakten über die Prussen zusammen.
„…und jetzt habe ich vor mir eine Karte liegen, die zu einer Zeit erschienen ist, in der man anscheinend den Versuch unternahm, alles auszumerzen, was an die Ureinwohner dieser Gegend erinnern sollte. Die Karte ist 1938 erschienen, und man wollte keine Erinnerung an die alten prussischen Namen haben und verfügte, dass alle Namen umgeändert werden müssten in möglichst deutsche… und typisch ist, dass Sie die Umänderung dieser Gebiete vor allen Dingen in den nordöstlichen Teil Ostpreußens finden… Die Karte weist das aus, dass dort viel mehr kleinere Orte waren, als in den anderen Gebieten Ostpreußens. …Wie sie abgeändert wurden Stallupönen hieß dann eben Rode. … Prussischkin hieß dann Preußendorf, Koligkemen hieß Öldorf, Praßlauken hieß Praßfelde, das mag nicht allzu viel verändert haben. …Pilkallen hieß Schlossberg… Die alten Orte sollten dann den Einwohnern nicht mehr im Gedächtnis bleiben, und sie sollten nur noch an die deutschen Namen erinnert werden…
Bedauerlich ist ja, dass nun auch nach 45, als diese Gebiete in sowjetische Besatzung kamen, dann wieder andere Namen für diese Orte gewählt wurden, so dass manchen Einwohnern schwerfällt heute herauszufinden, welches war denn nun mein Heimatort.“

Die Prussen hatten ihren Glauben: sie hielten sich an Sonne, Mond und Sterne in deren ewigen Beziehung zur Erde. Und Jahrtausende suchten sie ihr Leben damit in Übereinstimmung zu bringen. Ein Mann, über dessen Herkunft man bis heute streitet und der gelegentlich als Pole oder auch als Deutscher angesehen wird, brachte das Naturverständnis der Prussen, ihr heliozentrisches Weltempfinden, in ein wissenschaftliches System „Über das Kreisen der Himmelskörper“, Nikolai Kopernikus. Der große Gelehrte, der seine Gedanken in Latein niederschrieb, wurde 1493 in der Krakauer Universität als Prusse immatrikuliert. Und Immanuel Kant, der Philosoph aus Königsberg, ist nicht sein Weltbild auch dem Denken jenes Volkes verhaftet, das dort gelebt hat?

„Wir finden hier in der Zeitschrift Ramuva, die von einer litauischen Vereinigung herausgegeben wird, die das Andenken der Prussen pflegt und auch versucht, die Personennamen zu vergleichen, was ist nun ein prussischer Personenname, was ist ein litauischer. Und hier finden wir unter dem Stichwort Kant eine ganze Reihe von Personennamen. Die prussischen Namen sind in diesem Zusammenhang: Kanteines, Kanntenis, Kantivils, Kantigirds, Kantils, Kantimins, Kantuns, also wir sehen eine ganze Reihe prussischer Namen, die den Namen Kant beinhalten.“

Die handgeschriebene Chronik aus dem Jahre 1553 erzählt uns die Geschichte des Prussen - Volkes auf ihre Art. Nur 10 Jahre nach dem Tod von Kopernikus
erschienen, zeichnet sie ein Bild von Einfältigkeit und Primitivität der Menschen jenes Landstriches. Dass die Kultur der Ureinwohner besondere Züge hatte und große Gedanken zu befördern vermochte, erscheint danach als abwegig. Die nachfolgenden Generationen sollten es glauben, und sie glaubten es in der Regel auch, was dieses Auftragswerk verbreitete.
Erst heute nimmt man sich Zeit, die archäologischen Funde auszuwerten. Sie zeugen von einer originellen Kultur, die leider gewaltsam ausgelöscht wurde vor langer Zeit. Aus vielen historischen Quellen hat Otto Schneidereit in seinem Buch das Wesentliche über die Prussen zusammengefügt: sie besaßen eine gut entwickelte Landwirtschaft, bauten Schiffe, haben auch Handel getrieben, etwa mit Bernstein, ihrem besonderen Reichtum. Ihre Flüsse wurden von den Chronisten darum als Bernsteinstrassen bezeichnet. Sklaverei haben sie nicht gekannt, auch kein Privateigentum. Sie suchten den Naturgesetzen zu folgen und betrachteten sich wohl als bewusst lebendes Teilchen des Universums.
Ihre Moral war die Vernunft, ihre Religion – wie der Historiker Voigt in seiner Geschichte Preußens schreibt – war die Freude. Ihre Lebensphilosophie ist in ihren Liedern erhalten geblieben. Man singt sie heute noch, freilich auf Litauisch, Lettisch, Polnisch oder Deutsch.
Immanuel Kant ist aus dem Prussischen gekommen. Prussa heißt einer Deutung nach „der Wissende“. Als 1924 für den großen Philosophen die monumentale Grabstätte eingerichtet wurde, fand sich an dem neuen Bauwerk kein Platz mehr für jene Maxime, die er sich einst über seinem Grab gewünscht hatte: „Zwei Dinge erfüllen das das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender das Nachdenken sich damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir:“ Für wen waren damals die Worte überflüssig?
Das Jahr 1924. Ein Mann in Deutschland schreibt an seinem Buch „Mein Kampf“. Ein anderer, weit im Osten des Kontinents baut seinem Vorgänger ein Mausoleum. Auch er will berühmt werden. Europa ist in Gefahr, doch es merkt
dies erst viel später.
1990 wachsen Birken auf der Ruine dieser einst stolzen Kathedrale, und kaum jemand weiß, dass bis zu dem blutigen 13. Jahrhundert hier eine andere Stätte zu finden war, kunstvoll aus Holz erbaut. Sie führte den Namen Tvangste, was im Deutschen soviel wie Schutzdeich bedeutet. Und unweit von hier haben die Prussen ihr Heiligtum, die Romove, vor den Eroberern geheim gehalten.
Romove heist Ruhe. Es war der Ort der inneren Sammlung für geistige Energie.
Die Prussen waren keine Krieger. Sie lebten in Übereinklang mit dem Gesetz der Natur, und der Krieg ist kein Naturgesetz, eher zeigt sich in ihm die üble Perversion menschlichen Geistes. Die Romove wurde 1276 zerstört; die geistige
Energie blieb dem Alltag immer ferner.

„Und so ist mein Vorschlag, dass aus diesem Gebiet, dem jetzigen Kaliningrader Gebiet, eines Tages ein Landschaftsschutzgebiet wird. Es ist vielleicht eine gewagte Annahme, aber es ist ja auch nur eine Vision, man kann ja darüber diskutieren“

Hier, im Herzen des Kontinents fühlt man deutlicher als anderswo, dass Otto Schneidereits Vision kaum eine Alternative duldet. Den verschütteten Werten der menschlichen Kultur muss man gerecht werden. “Genannte Schuld ist noch nicht gebannte Schuld“.

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Aus
AUF WEN SOLL ICH BÖSE SEIN –
ADAM SCHMIDT AUS SALECHARD

„Wir sind also hierher gebracht worden. Man hat uns auf ein großes Frachtboot
getrieben, da waren schon Holzbretter zum Schlafen vorbereitet, natürlich waren da keine Fenster. Und so sind wir am 24 Juli 1930 nach Kuschewat gekommen.
Und so begann unser Leben hier. Hier war ein undurchdringlicher Wald. Wir mussten ihn roden und unsere Häuser bauen.“

„Was ich besonders in Erinnerung habe, ist der große Holzkasten mit unseren Nummern. Als wir zur Arbeit gekommen sind, mussten wir unsere Nummer nehmen, und zum Arbeitsschluss wieder die auf die Nagel hängen. Und das war ein Problem. Es gab ja keine Uhr. Wir mussten unsere Norm erfüllen, es gab auch kein Signal, dass der Arbeitstag zu Ende ist. Als wir dann fertig waren und gingen, war der Kasten zugeschlossen. Und nächsten früh gab’s den Ärger, wirst du bestraft.“

„Was haben wir denn in unsrer Jugend gesehen? Wir waren im Wald. Dort stand eine große Baracke, 50 Menschen wohnten dort, jung und alt, alle zusammen. In der Mitte stand ein Ofen, auf dem hat jeder sein Essen gekocht. Wenn ich mit meinem fertig bin, kommt ein anderer mit seinem Topf. Jetzt ist das so nicht mehr möglich.“

„ Brennholz war nicht trocken genug, musste man viel verbrauchen, trotzdem haben wir nicht geschimpft. Wir waren alle freundlich zu einender: verschiedene waren da: Kalmyken, Ukrainer, Deutsche, Russen, Letten, verschiedene. Niemand hat dem anderen was Schlechtes getan. Nein, nein. Wir kamen aus
dem Wald mit Gesang. Der Magen ist leer, aber wir singen trotzdem.“

„Ich, zum Beispiel, kann nicht verstehen, was haben denn die Völker miteinander zu teilen? Na, was wollen die verschiedenen Nationalitäten teilen?“

„Was haben wir denn für Hoffnungen? Nach Deutschland zu fahren, dort sind wir ja auch nicht zu Hause. Hier haben wir schon 50 Jahre gelebt. Alle kennen mich. Die Chanten achten mich. Niemand jagt mich hier weg. Lebe nur!“

„Ja, das war ein großer Fehler, dass in den Schulen das Gottes-Gesetz nicht mehr gelehrt wird. Das muss man zurückholen. Weil, wenn mit uns Gott wäre, dann hätten wir auch die helle Kraft, und alles wäre milder. Wie sonst könnten wir bestehen, und nicht böse werden. Man hat mich beleidigt, also, soll ich ihn, der mich beleidigt hat, noch stärker beleidigen. Das geht doch nicht, dann wird die Grausamkeit nur heranwachsen.“

„ Das war im Jahr 41, als der Krieg begann, dann hat man uns nach dem Norden verbannt, erst nach Sibirien, dann 1942 hierher. Und von dieser Zeit an leben wir in Salechard.“

„Ja, man muss den Kindern Deutsch beibringen. Das wird der Großvater machen müssen, er kann Deutsch lesen und schreiben.“

„ Nastja wiederholt schon jetzt alle Abende das Gebet. Die Russen bekreuzigen sich, aber bei uns faltet man die Hände so, und es wird gebetet, wenn man vom Tisch aufsteht, oder vor dem Schlaf…Ich zum Beispiel, als ich klein war, ich weiß nicht, wie es ihnen gegangen ist, aber es tat mir leid und ich konnte nicht begreifen – wie die Deutschen in Deutschland dem Führer sich ergeben haben. Wie konnten sie das? Ja. Ich habe mich geprügelt, sobald man mir das Wort Faschist gesagt hat. Das muss ich ja dann. Aber trotzdem, ich konnte es nicht verstehen. So ein großes Volk, mit so einem Talent, so ein ehrenwürdiges Volk und hat sich dieser Wahnsinnsidee ergeben. Wie? Das tat dann immer in der Seele weh, wie ein Stein lag es da. Habe ja Literatur gelesen, Poesie. Und immer muss du denken, wie kann so ein Volk bis dahin sich treiben lassen. Und dann später, als wir erfahren haben, was bei uns getan worden ist.
Man möchte schon, dass so etwas sich nicht wiederholt, dass zwischen den Völkern Vertrauen herrscht.“

„Die ältere Generation kann ja leben, wie sie gelebt haben. Sie kann noch schlechter leben, hat ja alles gesehen. Aber sie will nicht, dass die Jugend in dieser Ungewissheit sich befindet. Da hat man so Angst um die Zukunft. Der Mensch kann alles ertragen, zusammen mit seinem Land, mit dem Volk, kann er alles ertragen. Aber wenn du nicht sicher bist, was mit deinem Kind, deinen Enkeln und Urenkeln wird, werden sie auf dieser Erde glücklich?“

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Aus
ENGEL IN LENINGRAD, WO IST DEIN KREUZ GEBLIEBEN

„Wenn der Mensch Gott abschafft, macht er etwas anderes, häufig aber sich selbst zu Gott. Der Kommunismus ist eine einzige Irrtumsideologie mit großen und hehren und schönen Ansprüchen. Sie haben aus Kirchen Museen und in Leningrad sogar ein Schwimmbad gemacht. Und sie haben sich ihre Götter aufgestellt.“

„Klar, ist es nicht gut, hier schwimmen zu gehen, aber von der Kirche ist doch kaum mehr was übrig. Vielleicht die Wände und noch die Innentreppe. Das alles wieder in eine Kirche umzubauen, kostet viel zu viel Geld und Mühe.“

„Das Gefecht mit den Häusern, mit den Kreuzen, mit den Kirchen, es war ein Gefecht mit den Menschen. Der Mensch hat sich gewagt, die Hand zu heben, um ein Kreuz zu stürzen, um eine Kirche zu sprengen. Er dachte, dass er also mit Dingen zu tun hat, aber es kam dazu, dass der Mensch die Seele des Menschen zerbrochen hat.“

„Meiner Meinung nach, da das Haus noch in ziemlich gutem Zustand ist und nur eine Befestigung braucht, kann die Arbeit für die Vorbereitungsphase auf ein Jahr kalkuliert werden, und die Bautätigkeit selbst, inklusive Restaurierung, dürfte etwa zwei Jahre dauern.“

„Sehr viele schlechte Menschen waren da. Diebe… Und 25 Jahre war ich zwischen ihnen. Und jetzt bin ich gar nicht verdorben. Ich bin sehr froh, dass ich nicht verdorben bin.
Jetzt möchte ich eine Elegie Ihnen spielen. Die ist für meine Mutter; sie ist in Leningrad gestorben, als der Krieg war.“

„Also ich möchte sehr gerne wieder in der Kirche die Orgel sehen, aber die ist vielleicht nicht mehr da, die ist kaputt gemacht. Aber der Engel, der muss sein Kreuz haben. Unbedingt. Und das Wasser muss raus aus der Kirche. Dass wir wieder – Lutheraner und deutsche Menschen, und nicht nur deutsche, die gläubigen Menschen – dass sie wieder in die Kirche eintreten können, das ist mein Wunsch. Und dass meine kleine Jewgenija, die Tochter meines Sohnes, die jetzt neun Jahre ist, wenn sie etwas wächst, dass sie in diese Kirche kommen kann.“

„Erziehung ist nicht gleich Bildung. Man kann viele Sprachen beherrschen und trotzdem genau ausrechnen, unter welcher Kirche wie viel Dynamit zu legen ist, damit sie gesprengt wird. Erziehung gleicht der Vervollkommnung der Seele, und die sollte vor dem Hintergrund eines Wiederaufbaus der Religion geschehen, jener unzähligen Kirchen, die in Leningrad verschwunden sind.“

„Ich sagte, wenn der Mensch Gott abschafft, sucht er andere Götter. Ich glaube, die entscheidende Infragestellung des Glaubens ist nicht die durch den Intellekt, sondern, so wie es Jesus auf den einfachen Satz gebracht hat: ‚Gott oder das Geld’- Ihr könnt nicht zwei Herren dienen.“

„Geld kann wichtig sein, wenn es geteilt wird. Wenn Menschen sich als Geschwister auf der einen Erde verstehen, die miteinander Vater sagen. Und wir sind Kinder, aufeinander angewiesene. Und darauf angewiesen, dass diese Welt, in der Bilder-Sprache ausgedrückt, nicht aus Gottes Händen fällt. Man könnte sogar sagen: Man müsste verzweifeln, wenn man nicht einen verborgenen Glauben an Gott hätte“.

„Ich habe den Eindruck, dass die Menschen in der Sowjetunion, wie fast in allen Ländern der modernen Zivilisation auch, dass die Menschen in einer ganz tiefen inneren Krise stecken. In einer Werte-Krise, würde ich vielleicht sagen. Was soll werden aus der Welt?“

Maximilian Messmacher, einer der bedeutendsten Architekten im Petersburg des 19. Jahrhunderts, hat viele Gebäude entworfen. Umbau und Innenausstattung der Sankt-Petri-Kirche waren Messmachers letzte Arbeit am Newa-Ufer. Bevor er 1897 nach Dresden übersiedelte, machte er sie der Heimatstadt zum Geschenk.

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DIE ÄLTESTE – VERMÄCHTNIS EINER 108-JÄHRIGEN

„Alles habe ich gekonnt, alle Lieder habe ich gesungen, schon auf der offenen Strasse und wollte so gern das alles lernen, aber kein Pfennig wurde ausgegeben. Nein, wir sollten arbeiten, nicht mal lernen… Und da habe ich mir gesagt: wenn ich mal ein Kind habe, das soll das lernen, was ich nicht gelernt habe. Denn mir haben sie als Kindermädchen Stick-Stoff in die Hand gegeben, ich sollte sticken. Ich konnte es nicht. Ich habe mich geschämt, dass ich das nicht konnte. Aber mein Kind ging noch nicht in die Schule, habe ich ein Körbchen gekauft: Du muss in die Stickstunde gehen, du muss was lernen. Da habe ich sie Schneidern lassen lernen, dass sie alles gelernt hat, was sie im Leben braucht. Und dann: Mama, ich möchte gern Gesang lernen. Gut, das sollst du lernen. Und da ist sie auch hin und hat erst Gesang, dann Klavier gelernt, alles hat sie gelernt. Mama hat bezahlt, Mama hat das Geld gespart, Mama hat gearbeitet und ihr alles gegeben. Alles, was da war, habe ich meinem Kind gegeben. Habe aber auch geschafft dabei, ja auch noch, ich habe mir aber nichts gegönnt, kein Kleid, gar nichts. Einfach bin ich durch die Welt gegangen, einfach, aber mit dem Herzen durch die Welt.“
„Was das heiligste auf der Welt ist, das ist eure Mutter. Und wenn es eine Rose ist, die ihr bringt, ein Blümchen, das ist edel und gut. Wenn ihr aber vorüber geht, das ist nicht gut, merkt euch das.“

„Mariechen, warum weinest du so sehr… Der Ritter Ewald war dem Mariechen untreu geworden… Und wie viele sind heute dem Mariechen untreu! Das Mariechen; warum weinest du so sehr… ja, das überlegt sich keiner, keiner überlegt, dass er sein Mariechen hat unglücklich gemacht. Das darf nicht sein. Das Weib, die armen Kinderlein, verlassen und entehrt… Ein Vater, der die Seinen verlässt, ist kein Schuss Pulver wert! So ist das. Der Vater geht frei. Nein, pfui. Du hast deine Vaters-Schuldigkeit zu tragen. Guck deinem Kind in die Augen…“

„Alles ist eine Kunst, die man erst lernen muss, alles.“

„Nicht verzagen, gar nicht verzagen, ist meine Parole immer gewesen. Ihr Kinder seid glücklich, dass ihr jetzt lebt, dass ihr jetzt lebt, merkt euch, was ich euch sage.“

„Wenn der Mensch nicht arbeitet, zerfällt seine Seele, das Leben verliert dann seinen Zweck. Hütet euch von der Faulheit, sonst seid ihr verloren. Heute könnt ihr alle als Menschen gehen. Der Arbeiter wird heute geachtet und geehrt. Und so ist es am besten zu leben.“

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...WEIL ICH NICHT SINGE, MALE ICH

„Ich habe eigentlich als Kind immer ...Griffel mitgehabt. Ja, was Griffel ist, das ist ein Stück Schiefer. Und bei uns gab’s die Schiefertafel früher noch. Wenn ich da bei Großbauern die Kühe weiden musste, da habe ich mal so eine Kuh gemalt, so ein Stückchen Wiese, ne.“

„Ja, warum male ich? Ja. Ich möchte doch etwas zum Ausdruck bringen, was ich sehe draußen, ja, was ich vordem nicht gesehen habe, ja, ich finde da eine wunderbare Ruhe. Ich schöpfe meine Kraft für den nächsten Tag… Ich denke, ich bin zwanzig Jahre jünger geworden, ich fühle mich ganz anders.“

„Geboren 1943.
Auf mondweißer Strasse
Liegt der Schatten,
Der gebrochen ist,
Damals.
Bäumt sich auf,
wieder und wieder.
Komm, Schatten,
Wir müssen weiter gehen.“

„Eigentlich male ich, weil ich nicht singen kann. Truman Capote sagt uns: Die Welt ist voll von Menschen, die alles wissen und nichts verstehen. Und ich glaube, bei mir ist das auch das Verstehen-Wollen, weswegen ich male.“

„In den Händen liegt etwas vom Menschen selber, und das muss man erfassen. Und wenn man das nicht schafft, dann…“

„Manche Menschen werden zur Literatur erzogen, so dass es ein Bedürfnis wird für sie. Und andere haben vielleicht dieses Bedürfnis gleich in sich, und so ging es mir… Weil ich sie befragen musste. Ich habe die Literatur lange, lange befragt und befrage sie auch heute noch. Und Antworten, die ich eigentlich selbst oft nicht finde, finde ich dort.“

„Jeschua – und ihm dann gegenüber stehen muss unbedingt Pontius Pilatus. Ich habe das so genannt. “Pontius Pilatus oder Die größte aller Sünden ist die Feigheit“, weil ja hier wissentlich ein Unschuldiger verurteilt wird.
Zu Michail Bulgakow „Der Meister und Margarita“ ist mir eigentlich auch der Iwan sehr lieb, denn irgendwie bleibt er für mich ein Mittelding zwischen Philosoph und Don Quijote.“

„Die Menschheit geht zugrunde, wenn sie nicht lernt, im Frieden zu leben“ Tschingis Aitmatow. Dieser entscheidende Ausspruch von Aitmatow bleibt ja wohl noch lange aktuell, denn wir stecken ja wirklich noch immer, immer in den Geburtswehen einer wirklichen Entspannung.“

„Die Massenmedien programmieren die Menschen ganz ungeheuer. Es gibt gewiss sehr schöne Sendungen, die für mich auch sehr wertvoll sind, aber man kann sich nicht nur da hinsetzen abends um sechs. Und das ist ja eigentlich ein Zug unserer Zeit, dass die Leute nur noch konsumieren. Und ich breche aus.“

„Hier draußen pflanzte jemand Blumen vor dem Stall. Und die Frau fragte mich:
Nun sitzen sie schon wieder im Keller mit dem Ton. Ich sagte: Ja, sie sitzen da und pflanzen Blumen- wir machen das gleiche.“

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ICH HAB’ ETWAS HEIMGETRAGEN – MAX LANGER

„Ich weiß, immer gut zu sein, ist schwer. Wiederum ist es aber auch gar nicht schwer, wenn man auf der Sonnenseite steht. Bleibe gesund und wachsam und werde, was Du bist. Du bist ja noch entwicklungsfähig.“
Als Max Langer diese Worte seinem jüngsten Sohn schrieb, war er schon 84 Jahre alt und der Sohn längst erwachsen, doch für alles, was um ihn geschah, fühlte er sich sein Lebtag verantwortlich. Er kam am 12. Juli 1897 in Spitzkunnersdorf zur Welt. Sein Vater war Stubenmaler, der Großvater Weber. Und obwohl die häuslichen Verhältnisse bescheiden waren, ermöglichte man ihm von 1917-1921 eine künstlerische Ausbildung bei Paul Rößler in Dresden; danach konnte er nach München reisen, die Pinakothek besuchen und Kontakte zur damaligen „Münchener Schule“ knüpfen. Das Angebot, in einem Atelier dort zu arbeiten, schlug er aber aus, kehrte nach der Lausitz zurück und blieb dann für immer in Niederoderwitz. Dem zähen Leben seiner Vorfahren verpflichtet, schuf er den „Weber-Zyklus“ in 36 Blättern, die zum Fundus des
Dresdener Kupferstichkabinetts gehören. Seine Kinder erinnern sich an ihn.

„Als ich zwei Jahre alt war, 1930, war ja gerade das für meine Mutter und für meinen Vater eine komplizierte Zeit. Keine Arbeit. Manchmal war auch nicht mal die Farbe dazu da, um ein Bild zu malen. Und zum Weihnachtsfest bekam ich einen Nussknacker. Der war zwar nicht so schön geformt, so bunt, wie das heute üblich ist. Er war etwas –ja- grobbehauen. Und Vater hat ihn sehr schön bunt bemalt. Aber dieser Nussknacker, mittlerweile nun 58 Jahre alt, steht also heute noch zu jedem Weihnachtsfest im Wohnzimmer. Wir haben Freude dran, die Kinder haben Freude und die Enkel auch schon.“

„Wir machten schöne Spaziergänge. Es wurden dann immer herrliche Feldblumensträuße gepflückt. Er konnte sich schon an einer einzigen Feldblume sehr erfreuen und sagte immer – es ist etwas Einmaliges.“

„Das Glück war für ihn das Schaffen, ganz einfach. Und nicht, etwas zu besitzen. Er wollte was tun und sich verwirklichen; in diesem Einfachen versuchte er seine ganze Welt zu finden, hat sie eigentlich auch gefunden und war dabei glücklich, glaube ich.“

„Und insoweit möchte ich sagen, dass mein Vater Zeit seines Lebens versucht hat, alles, was in seinen Kräften stand, zu geben, um einmal die Menschen durch seine Bilder, durch seine Kunst, durch seinen Humor, der ja hier in der Oberlausitz so ursprünglich noch gedeiht und vorhanden ist, das den Menschen zu geben, und das war für ihn eigentlich sein Leben und das war für ihn Lebensglück. Insoweit ist es auch für uns Lebensglück, wenn man hier, in diesen Räumen Zwiesprache halten darf.“

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...UND ICH STUDIERE HIER IN WROCLAW

„Wroclaw ist eine Stadt an der Westgrenze des Polnischen und Ostgrenze des Deutschen, eine Stadt, die fast völlig durch den Krieg zerstört wurde und die im Laufe der Nachkriegsjahre von uns wieder aufgebaut wurde.“

„Ihnen wünsche ich für später eine glänzende Laufbahn als Ingenieure und Bürger,“ sagt der Rektor: “Ein Erfolg im Leben, so wie ich ihn verstehe, ist nicht allein mit Wissen, sondern auch mit Weisheit verbunden. Wissen kann man schnell und bei bestimmter Arbeitsdisziplin leicht erwerben. Weisheit dagegen gewinnt man das ganze Leben über. Ich wünsche meinen jüngeren Kollegen aus der Deutschen Demokratischen Republik, dass sie möglichst viel von dieser Weisheit erobern; dann erreichen sie, so glaub ich, auch das, was man Glück nennt. Wenn sie das Glück gewinnen wollen, dann, sie sollen sich nicht beleidigt fühlen, aber dann wünsche ich ihnen kein leichtes Leben. Leichtes Leben schafft kein Glück.“

„Die Marisja, die fühlte sich verantwortlich für mich, ich war für sie, wie so ein kleines Mädchen, gerade mal 18 Jahre. Sie hat sich da gekümmert, und dass ich mich warm anziehe, das ich rechtzeitig schlafen gehe. Wenn ich mal um 11Uhr
nicht im Zimmer war, dann hat sie sich darum gekümmert; oder auch dass ich Hausaufgaben mache, sie setzte sich eben dahin, lernst Du heute gar nicht? Und da blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich hinzusetzen. Oder wenn ich mal ein Buch brauchte, so hat sie mir geholfen. Das war eine ganz freundliche Atmosphäre und ich habe dann auch sehr bedauert, dass sie ging; nach dem
5. Studienjahr ist man ja fertig. Wir schreiben uns eigentlich heute noch, der Kontakt ist nie abgebrochen.“

August Masur, langjähriger Technikwart der Laboratorien in der Pszybiczewski Strasse, wo während des Krieges ein Hospital eingerichtet war, schätzt unsere Studenten sehr, weil sie gut erzogen und wissbegierig seien. Doch er meint, dass sich der junge Mensch heute den Wahnsinn des Krieges nicht mehr vorstellen kann. „Etwas weiß er schon, aber sonst…. Nur wer es erlebt hat, weiß, was es war… Natürlich, es gibt Menschen, die mehr denken. Die verstehen dann auch mehr. Aber es gibt auch solche, die sich keine Zeit zum Nachdenken nehmen. Um den Frieden auf Erden zu erhalten, muss die Menschheit klüger werden.“

Hier in der Aula Leopoldina, dem berühmten Baudenkmal des späten Barock, werden die Studenten der Wroclawer Universität immatrikuliert, von hier aus werden sie als Absolventen verabschiedet… Fast die ganze Universität hat der Krieg zerstört, die Aula blieb erhalten. Im September 1948 tagte hier der von der Politechnika Wroclawska einberufene Weltkongress der Intellektuellen für den Frieden. Damals schrieb Albert Einstein nach Wroclaw: „Wir müssen die geistigen und wissenschaftlichen Brücken bauen, damit die Völker der Erde sich vereinigen“. Diese Worte sind nun am Hauptportal der Politechnika zu lesen.

„Meine Generation ist gegenüber den Deutschen noch sehr empfindlich, dank der Kriegserlebnisse. „Dank“ in Anführungsstrichen, leider… Aber ich muss sagen, dass die Pflicht meiner Generation – nicht nur in Polen, so glaub’ ich, sondern auch in Deutschland – darin besteht, diese Erfahrungen und Überlegungen an die junge Generation so weiter zu vermitteln, damit das Böse in der Vergangenheit nicht vergessen aber auch nicht vorgehalten wird, so dass man das Gute herausfindet und das Böse meidet, und dadurch die Zusammenarbeit der Menschen schöpferisch wird, konfliktlos.“

„Außerdem glaube ich, dass jeder sich darum bemühen sollte, in einem konfliktfreien Zusammenwirken mit anderen Völkern seinem Land und Volk durch eigene Arbeit in der Zukunft Nutzen zu bringen, damit es seinen Platz unter den Völkern der Erde behaupten vermag.“

„Ich glaube, heute ist jeder auf den anderen Menschen angewiesen, wenn er etwas erreichen möchte. Es gibt kein Universalgenie, keinen da Vinci mehr in unserer Zeit, glaube ich. Deshalb ist es eigentlich sehr wichtig, zu den Menschen seiner Umgebung, seines Kontaktes ein Verhältnis zu haben, was nicht immer intim sein muss, aber optimal für das, was diese Gruppe von Menschen miteinander verbindet.“

„Ich hatte mal’n Gespräch mit einem Polen und wir haben uns unterhalten; er redete von Gott, ich nicht, und wir haben festgestellt, oder ich habe auch festgestellt, dass es eine Definitionsfrage ist. Für den einen bedeutet das als personifiziertes Wesen, für den anderen die Seele vielleicht.“

„Die Freundschaft zwischen zwei Völkern macht nicht die große Freundschaft aus, sondern das machen die vielen kleinen Freundschaften aus, die Freundschaften zwischen zwei Menschen und zwischen zwei Gruppen von Menschen, und das ist eigentlich der für mich allerwichtigste Teil des Freundschaftswerkes.“

„Der Mensch hat den Computer erfunden, die Elektronik, und kann damit viele Sachen lösen, die er vorher nicht konnte, jeder Mensch kann mit jedem reden, aber gleichzeitig können diese Computer, diese Elektronik auch Waffe sein, Waffe gegen sich selber. Für mich ist eigentlich die Frage, was kommt danach, eine ganz wesentliche Frage. Wie gestaltet der Mensch sein Leben weiter, wird er Mensch bleiben, wo wird er sich hinentwickeln, wohin lässt er sich treiben, das ist für mich eigentlich die wesentlichste Frage für die Zukunft.“

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HANSEATIN UNTERWEGS –
WEIHNACHTSKRIPPEN AUS ALLER WELT

„Die Aktualitäten, die ich im Film gesammelt und verwaltet habe, sind ja nicht immer die zartesten, sanftesten und angenehmsten, und vielleicht habe ich aus der täglichen Arbeit mit den schrecklichen Meldungen und schrecklichen Nachrichten unbewusst eine zweite Aufgabe gesehen, die Krippen zu sammeln.“

Seit 1989 stellt Mechthild Ringguth ihre Sammlung, die heute etwa 240 Krippen umfasst, aus. Im November 92 führt sie ihr Weg auf der „Mercuri I“ über die Ostsee nach Riga.

„Wir sprechen jetzt laut oder schreien „Rückkehr nach Europa“ – ich glaube, wir sind immer in Europa gewesen, aber Europa ist nicht nur ein geographisches Wort, Europa ist auch ein geistiges Wort, und diese geistige Bindungen, vielleicht, zwischen unserem kleinen Bauernvolk einem Volk, das vielleicht soviel gelitten hat mit der Mitte Europas, das ist eine der wichtigsten Fragen der Zukunft Lettlands und ich glaube auch, es ist sehr wichtig, dass die Letten vielleicht den Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Deutschen überwunden haben.“

„Dieser Minderwertigkeitskomplex ist ja nun in der Tat völlig überflüssig. Sie haben sich zweimal die Freiheit ihres eigenen Landes erkämpft, einmal gegen gleichzeitig das Zarenreich und die Deutschen, das andere Mal gegen die Sowjetunion. Na, wo soll denn dann bitteschön noch ein Minderwertigkeitskomplex herkommen? Sie haben allen Anlass höchst selbstbewusst zu sein. Ich glaube, dass Lettland der Meinung ist, dass es in einem wunderschönen Fleck Erde zu Hause ist, die Letten hier zu Hause sind und dass sie alles tun werden, um dieses Stück Land wieder zu dem zu machen, was es einmal war, nämlich zu einem Garten Eden.“

„…Und es ist sehr schwer, und mich bewegt das immer, wenn man auf der Strasse jedes Mal mehr und mehr arme Menschen sieht, die betteln müssen, die das sicher nicht aus Vergnügen oder Übermut machen sondern aus Verzweiflung. Und auch die Zahl der Menschen ohne Arbeit wächst. Es gibt kein soziales Netz, das die Menschen auffangen kann. Das heißt, die Menschen sitzen auf die Strasse; das ist eine Gefahr auch für die innere Sicherheit und den inneren Frieden des Landes.
Meine Familie ist vor ungefähr 250 Jahren, aus Deutschland kommend, hier eingewandert in Riga, und ich habe, wie gesagt, die ersten zwei, drei Grundschuljahre in Riga verbracht, bis wir dann 39 nach Deutschland umgesiedelt sind, wie’s damals hieß.“

„Die Krippenfiguren, die ich gemacht habe, haben ein russisches Aussehen. Das ist mein persönlicher Dank dafür, dass ich im Krieg bewahrt worden bin, und ich verdanke meine zehn Finger, die ich noch habe, einer russischen, alten Babuschka, die mir bei 38 Grad Kälte ein Paar Handschuh geschenkt hat. Sonst hätte ich mir die Hände erfroren. Ich bin hier in Kurland bei der Kapitulation in Gefangenschaft geraten, mir liegt also das Baltikum am Herzen. Und das ist für mich das schönste, dass ich jetzt nach Riga und auch nach St. Petersburg – ich bin in der Nähe von St. Petersburg in Gefangenschaft gewesen - dass ich solche Krippenfiguren dort hinbringen konnte.“

„Ich habe, da ich Hamburgerin bin, zu Riga als Nachbar- und Hansestadt eine besondere Beziehung gehabt, und habe sie noch immer. Ich möchte gern, dass durch diese Ausstellung ein wenig von dem Glauben hierher kommt, in das Land und zu den Menschen. Ich danke meinem Gott, dass er mir die Kraft gegeben hat, diese Ausstellung auszurichten und ich hoffe, dass ein wenig von der Freude, die ich dabei empfunden habe und noch empfinde, auf sie übergehen kann.“

„Es ist so, dass Lettland ein ganz eigenes Geheimnis hat. Es ist, es liegt vielleicht daran, dass die Natur ihm ein ganz anderes Leben oder Lebensgefühl gegeben hat. Es ist ein sehr mooriges Land, es ist ein geheimnisvolles Land, es ist, man spürt eben die Schöpfung in dem Land selbst noch so sehr und sie haben zur Sonne ein sehr eigenes Gefühl. Sie haben zu ihren Vorfahren und zu ihren Ahnen eine ganz große Beziehung.“

„Es ist ziemlich am Anfang der Ausstellung gewesen; eine Mitarbeiterin der Petri-Kirche, die mich den ganzen Tag hat arbeiten sehen – ich hab ja gearbeitet bis abends spät – und sie hat mich gesehen und hat einmal ganz spontan gesagt: Wie groß muss Gott sein, dass er soviel Kraft gibt“. Das, dieser eine Satz, dieser ganz einfache Satz, hat über der ganzen Ausstellung gestanden, hat mich wirklich immer wieder aufgerichtet, auch wenn ich manchmal etwas verzweifelt war.“

Mit den ihr eigenen Mitteln sucht Mechthild Ringguth eine oft verdrängte Dimension der menschlichen Existenz aufleben zu lassen: die Fähigkeit der Vernunft zum Glauben.
Gefragt nach ihrem Lebenslauf, hält Mechthild für wichtig, dass sie als zweite Tochter des Organisten und Lehrers Friedrich Jürgens und der Kindergärtnerin Betty Jürgens 1928 geboren wurde, dass sie auch BDM – Mädchen gewesen ist und dem Kriegsende mit Angst entgegensah und dass sie Ostern 1943 Konfirmation und Jugendweihe erhielt. Seit 1952 ist sie Cutter-Assistentin, bis 92 Archivleiterin in Hamburg – Rahlstedt gewesen. In vielen Naturschutzgremien, WWF, Greenpeace arbeitet die Kirchenführerin im Hamburger Michel mit. Mag das Göttliche für sie unabdingbar bleiben.

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Aus
DIE BESONDERE FARBE VON LENINGRAD –
BEGEGNUNGEN MIT KÜNSTLERN UND SCHRIFTSTELLERN DER EINST BELAGERTEN STADT

„Die Ereignisse liegen jetzt dreißig und mehr Jahre zurück, aber sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Ich selbst habe lange Umwege gebraucht, um zu meiner heutigen Einstellung zu kommen. Man streitet sich heut oft darüber, welche die kriegsentscheidende Schlacht war: vor Moskau, bei Stalingrad oder bei Kursk? Ich meine, dass bereits die Leningrader dem Führer das Konzept verdorben haben. Nach längerem Vormarsch ging es nun nicht einen Meter mehr voran. Im zweiten Belagerungsjahr lag ich mit drei Kompanien Panzerjägern vor Leningrad. Bei Emga, bei Semjawino und später dann bei Peterhof. Von verschiedenen Stellen aus konnte man in die Stadt hineinsehen. Sie lag zum Greifen nahe, aber wir kamen nicht voran...
Und dann haben wir gewartet, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, gewartet auf die Kapitulation, die nie kam. Natürlich haben wir die Leningrader damals nicht bewundert. Im Gegenteil, wir haben uns geärgert. Aber dann haben wir uns gewundert, dass wir keinen Erfolg mehr hatten, und es war bei uns ein großes Staunen, ein fassungsloses Staunen über diesen Widerstand.“

„Diese Tage vergehen nicht spurlos,
unverlierbar ist ihr Bodensatz aus Blei;
der Gram und der Krieg schauen ganz direkt
aus den wissenden Augen der Leningrader.“

„Man soll dem Menschen mit einem Herzen entgegen gehen, das ganz auf Selbstverteidigung verzichtet.“

„Etwas wird mir bis an mein Lebensende unvergesslich bleiben: Eine Namensliste des Großen Rundfunksinfonieorchesters, die mit Anstreichungen in zwei Farben versehen war. Ein Teil der Namen war durch einen schwarzen Bleistiftstrich eingerahmt. Diese Menschen gab es nicht mehr. Die gute Hälfte der anderen war mit einem Rotstift angestrichen. Diese Menschen waren am Leben, doch sie waren völlig außerstande zu arbeiten. Und der verbliebene kleinere Teil der Liste war ohne einen Vermerk. Sie waren also offenbar in gewissem Grade arbeitsfähig.“

Am 8. August 1942 wurde die 7. Sinfonie von Dimitri Schostakovitsch – auch „Leningrader Sinfonie“ genannt - in der belagerten Stadt uraufgeführt.

„O, Widersacher wen, wen wolltest du bezwingen?
Anna Achmatowa etwa, die Wache stand vor’m Haus
an der Fontanka, nicht weit von der Front?
Oder ihren Wächter, diese unsterbliche Leningrader Weiße Nacht?
Oder ihre Muse mit der tödlichen Waffe -
der sanften Schalmei in zarter Hand?“

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